
Die Energiewende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Doch wie genau sieht gemeinsames Handeln in der Praxis aus? Wer kooperiert mit wem – und warum? Im Rahmen des Projekts E-SKA beschäftigen wir uns systematisch mit diesen Fragen und haben dabei eine bemerkenswerte Vielfalt an Kooperationsformen entdeckt.
Was ist eine Energiewende-Kooperation?
Bevor wir diese Vielfalt beschreiben können, braucht es eine gemeinsame Begriffsbasis. Unter einer Energiewende-Kooperation verstehen wir im Projekt E-SKA grundsätzlich eine freiwillige Zusammenarbeit zwischen zwei oder mehr Kommunen miteinander sowie mit nicht-staatlichen Akteuren – insbesondere Bürger:innen.
Für die nähere Bestimmung dieses Begriffs orientieren wir uns am Konzept der kollaborativen Governance, wie es von Ansell und Gash (2008) geprägt wurde. Gemeint ist damit eine Form der Zusammenarbeit, bei der öffentliche Behörden und nicht-staatliche Akteure gemeinsam und gleichberechtigt Entscheidungen treffen – in einem strukturierten, konsensorientierten Prozess. Nicht eine Behörde entscheidet und konsultiert dabei die anderen; vielmehr gestalten alle Beteiligten den Prozess aktiv mit.
Für das E-SKA-Projekt konkretisieren wir diesen Rahmen wie folgt: Eine Kooperation zählt für uns dann als Energiewende-Kooperation, wenn sie
- von einer öffentlichen Behörde oder Institution (mit-)initiiert wird,
- formell organisiert ist – sei es in einer rechtlich verankerten Form (z. B. als Zweckverband oder Genossenschaft) oder als informelles Netzwerk,
- Entscheidungen gemeinschaftlich und deliberativ trifft – also durch einen echten Aushandlungsprozess, nicht durch einseitige Vorgaben,
- explizit oder implizit Regeln für die Zusammenarbeit festlegt oder neue organisatorische Strukturen aufbaut, und
- einen klaren operativen Fokus auf die lokale Energiewende hat – also etwa auf die Planung, Finanzierung oder Umsetzung konkreter Projekte.
Kooperationen können dabei sowohl strategischer Natur sein (z. B. gemeinsame Leitlinien oder regionale Klimaschutzstrategien) als auch operativ ausgerichtet (z. B. der Aufbau eines gemeinsamen Nahwärmenetzes). Der Forschungsschwerpunkt von E-SKA liegt dabei insbesondere auf den operativ ausgerichteten Formen.
Wie sind wir vorgegangen?
Um die Vielfalt der Energiewende-Kooperationen in Deutschland systematisch zu erfassen, haben wir verschiedene Quellen ausgewertet: Dazu gehörten Initiativen wie die 100%-Erneuerbare-Energien-Regionen, Bioenergiedörfer und die Energiekommune des Monats, aber auch einschlägige Forschungsprojekte, wissenschaftliche Literatur und eine gezielte Internetrecherche. Auf dieser Grundlage haben wir identifiziert, welche Typen von Energiewende-Kooperationen in Deutschland tatsächlich existieren, und diese anschließend in einer strukturierten Matrix kategorisiert.
Welche Kooperationsformen gibt es?
Die Kategorisierung zeigt: Energiewende-Kooperationen lassen sich entlang mehrerer Dimensionen beschreiben – etwa nach den beteiligten Akteurstypen, der räumlichen Ebene, auf der sie wirken, oder den inhaltlichen Schwerpunkten, die sie verfolgen.
Wer kooperiert? Die Bandbreite der Akteure ist groß. Kooperiert wird zwischen Kommunen untereinander, zwischen Kommunen und Bürger:innen, zwischen kommunalen Unternehmen und privatwirtschaftlichen Akteuren, aber auch zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, landwirtschaftlichen Betrieben, Wohnungsbaugesellschaften oder Energieversorgern. Gerade interkommunale Kooperationen – also die Zusammenarbeit mehrerer Gemeinden – spielen eine zunehmend wichtige Rolle, wenn es darum geht, Energieversorgung über Gemeindegrenzen hinweg zu planen und umzusetzen.
Auf welcher Ebene? Kooperationen finden auf sehr unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen statt: vom gemeinsamen Nahwärmenetz zweier Nachbargemeinden über regionale Energiekonzepte auf Landkreisebene bis hin zu länderübergreifenden Netzwerken und Modellregionen. Die räumliche Dimension prägt dabei nicht nur den Wirkungskreis, sondern auch die Governance-Strukturen und die Frage, wer formell die Verantwortung trägt.
Was wird gemeinsam gemacht? Auch inhaltlich ist die Spannbreite beachtlich. Einige Kooperationen konzentrieren sich auf den Ausbau erneuerbarer Energien, etwa durch gemeinschaftliche Windparks oder Bürger-Photovoltaikanlagen. Andere widmen sich dem Wärmesektor, zum Beispiel durch kommunale Wärmenetze auf Basis von Biomasse oder Abwärme. Wieder andere setzen auf Energieeffizienz, Mobilitätslösungen oder die Entwicklung lokaler Energiemärkte. Häufig sind diese Handlungsfelder miteinander verknüpft – etwa wenn ein Bioenergiedorf gleichzeitig Strom, Wärme und Kraftstoff aus lokalen Ressourcen bereitstellt.
Wie ist die Kooperation organisiert? Schließlich unterscheiden sich Energiewende-Kooperationen auch in ihrer formellen Struktur erheblich. Manche sind als eingetragene Genossenschaften organisiert und ermöglichen so eine breite Bürgerbeteiligung. Andere laufen über Zweckverbände, GmbHs, Vereine oder informelle Netzwerke ohne feste Rechtsform. Die Wahl der Organisationsform hat dabei weitreichende Konsequenzen – für die Haftung, die Finanzierungsmöglichkeiten und die demokratische Teilhabe der Beteiligten.
Was bedeutet diese Vielfalt?
Die Kategorisierung zeigt vor allem eines: Es gibt nicht „die eine“ Energiewende-Kooperation. Je nach lokalem Kontext, vorhandenen Ressourcen, politischen Rahmenbedingungen und dem Engagement der Akteure vor Ort entstehen sehr unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit – und das ist auch sinnvoll so. Eine Lösung, die für ein ländlich geprägtes Bioenergiedorf funktioniert, ist nicht ohne Weiteres auf eine städtische Wohnanlage oder einen interkommunalen Gewerbepark übertragbar.
Gleichzeitig macht die Vielfalt deutlich, dass Kooperationen für die Energiewende kein Nischenphänomen sind. Sie sind in Deutschland weit verbreitet, institutionell etabliert und thematisch breit aufgestellt. Das E-SKA-Projekt setzt genau hier an: Wir möchten besser verstehen, unter welchen Bedingungen solche Kooperationen entstehen, wie sie funktionieren – und was andere Akteure daraus lernen können.

